Füreinander da sein – Wenn das Furchtbare zum Fruchtbaren wird.

Nicht immer geht es in privaten oder therapeutischen Gesprächen um furchtbare Schicksale. Vielleicht können wir alle im aufmerksamen Zuhören und im Füreinander da sein aufzeigen, dass es Chancen gibt, das Fruchtbare und Wertvolle, das in jedem Menschen trotz aller Verletzungen vorhanden ist, zu entdecken und darin den Sinn zu erkennen.

Nachfolgender Artikel vom Therapeuten und Seelsorger Franz Schmatz kann uns dazu Anregungen geben.



„Ich kann da sein. Mehr nicht.

Nach ihrer dritten Totgeburt habe ich zu einer Frau gesagt:
Sie sind jetzt in einem Tunnel, von dem ich nicht weiß, wie lang er ist.

In der Begleitung von schwer kranken Menschen, auch von sterbenden Kindern und ihren Eltern, mache ich die Erfahrung, dass die Warum-Frage, die Tragik, das Furchtbare wie ein monolithischer Block dastehen. Aber wenn ich mich darauf einlassen kann, wird auf dem Hintergrund dieses furchtbaren Geschehens das Fruchtbare möglich.
    Viktor Frankl hat gesagt, wenn ich den Mist zum Düngen einsetze, dann wird der Mist ein Beitrag zur neuen Frucht. Es geht also nicht darum, den Mist, das Böse, das Dunkle zu bekämpfen. Denn solange ich es ausschalten will, werde ich immer mehr von ihm erfasst und bleibe darauf fixiert. Wenn ich die Angst wegbekommen möchte, wird sie stärker. Sie überwinden würde heißen, dass ich sie nicht mehr bekämpfen muss. Wenn ich die Angst, seelisch gesprochen, umarme und mich ein Stück weit mit ihr arrangiere, dann wird die Angst schwächer und ich werde stärker.
    Es wäre allerdings völlig verfehlt, wenn ich als Außenstehender einem schwer kranken Menschen sagen würde, du kannst in deinem Dunkel auch das Licht erkennen.  Oder gar: Wenn du ein gläubiger Mensch bist, kannst du in diesem Leiden einen Sinn finden. Eine solche Vertröstung geht an dem Betroffenen vorbei, weil ich Sinn nicht verordnen kann. Ich kann jemanden auf seiner Sinnsuche begleiten und ihn auf dieser seiner Suche bestärken. Mehr nicht. Ich kann für einen anderen Menschen nicht die Warum-Frage beantworten.
    Ich denke an eine Frau, die ich nach ihrer dritten Totgeburt begleitet habe. Ich habe ihr gesagt: Sie sind jetzt in einem Tunnel, von dem ich nicht weiß, wie lang er ist.  Ich weiß auch nicht, ob ich für Sie in diesem Tunnel ein Licht anzünden kann.  Aber was ich anbieten kann, ist mein Da-Sein. Ich kann ein Stück mit Ihnen mitgehen, wenn Sie das möchten. Ich kann Ihnen anbieten, begleitend für Sie da zu sein, gerade jetzt, wo Sie beim Malen Ihres Lebensbildes wohl mit dunklen Farben malen werden.
Heilung kommt letztlich nicht von außen, sondern von innen heraus, von dem betroffenen Menschen selbst. Daher sollte man in der Begleitung von Menschen nicht darauf fixiert sein, jemanden unbedingt und sofort aus der Erfahrung der Sinnlosigkeit herauszuzerren.
    Ich habe noch nie einem schwer suizidgefährdeten Menschen gesagt: Du darfst das nicht tun! Genau das verbindet mich mit solchen Menschen und hilft ihnen, Vertrauen zu finden. Eine Frau hat das so formuliert: Ich sehe, dass Sie mir meinen letzten Ausweg zugestehen, wenn es für mich keinen anderen Weg mehr geben sollte.
    Ich muss jedem Menschen diese Möglichkeit geben, in seiner Art und Weise einen Weg aus der Verzweiflung zu entdecken. Solche Erfahrungen sind eine Chance, dass durch die Verzweiflung hindurch vielleicht sogar wieder so etwas wie ein Urvertrauen wachsen kann.
    Ich habe selbst in jungen Jahren ein Melanom gehabt. Die häufigste Frage, die ich damals in mein Tagebuch geschrieben habe, war: Wann kommt endlich jemand, der mich verstehen kann? Damit habe ich gemeint: Wann kommt endlich jemand, der mir das zugesteht, was ich jetzt, in dieser Lebensphase, spüre.
    Mein Aufschrei war: Nimm mich so wahr, wie ich jetzt bin, und lass mich auch einmal so sein! Ich bin verzweifelt und möchte nicht, dass mir jemand erklärt, es sei nicht so schlimm, es gebe Ärgeres. Mit Verzweiflung ist es wie mit Trauer. Ein Mensch kann Trauer nur bewältigen, wenn er zunächst austrauert. Nur wenn ich geklagt, geschrien, geflucht habe, besteht die Chance, dass ich schrittweise aus der Trauer herausfinde.
   

Franz Schmatz begleitet als Therapeut und Seelsorger
Menschen in Grenzsituationen. Er lernte bei Viktor Frankl,
Elisabeth Kübler-Ross und Cicely Saunders.“

Salzburger Nachrichten, 17. Mai 2014

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